Es ist wieder einmal Sonntag und wieder einmal muss ich mich über einen Profil-Artikel ärgern: „Graue Gefahr (…) Alt, aber gierig: Eine maßlose Kaste von Frühpensionisten und Langzeitrentnern bricht am Höhepunkt der Wirtschaftskrise den Generationenvertrag und stiehlt der Jugend die Zukunft.” So einen Schwachsinn habe ich denen nicht zugetraut. Dieser streckenweise hetzerische Artikel untergräbt das Vertrauen in das staatliche Pensionssystem und redet der privaten Vorsorge das Wort. Wer sich den ganzen Artikel sparen will, zwei Schüssel-Vertraute kommen ausführlich zu Wort und fassen die Stoßrichtung nett zusammen.

„Der Sinn eines Wohlfahrtsstaats kann ja nicht sein, dass ihn eine Generation mit ins Grab nimmt”. (Bernd Marin, „Pensionsexperte”, Vater des FPÖVP-Pensionsraubes)

„Wenn nicht länger gearbeitet wird, verändert sich die Pension zur Mindestsicherung mit Minipensionen.” (Winfried Pinggera, Direktor der Pensionsanstalt(!), früher im Schüssel-Kabinett)

Argumente, warum das ein Holler ist

Im Artikel findet sich zur Untermauerung eine Prognose, wonach auf 4 Erwerbstätige in 50 Jahren 2 statt wie heute 1 PensionistIn kommen. Das klingt dramatisch! Doch selbst wenn die Prognose stimmt, fehlt die zweite Hälfte der Rechnung. Nämlich: Wie viel gibt es dann zu verteilen? Die Finanzierbarkeit des Pensionssystems hängt nämlich nicht nur vom Verhältnis Erwerbstätige-PensionistInnen ab, sondern auch von der Produktivität (also wie viel ein erwerbstätiger Mensch pro Stunde/Tag/Jahr produzieren kann). Wäre dem nicht so, dürfte es schon heute kein Pensionssystem mehr geben – schließlich ist das Verhältnis zwischen Pensionierten und Aktiven schon heute viel „schlechter” als zur Einführung des Systems.

Geld macht nicht satt

Wenn nun die Produktivität pro Jahr nur um 1,5% zunimmt (bis in die 1990er Jahre wuchs die Produktivität um rund 2% jährlich), dann dauert es 47 Jahre bis dieselbe Anzahl an Erwerbstätigen in derselben Zeit das Doppelte produziert.  Wenn die Produktivität wieder um 2% wächst, wird in 50 Jahren 2,7 Mal so viel erwirtschaftet wie heute (zum Nachrechnen: 1,02 hoch 50 ergibt 2,69). Es wird also auch in 50 Jahren genug zu verteilen geben. Das muss so sein, zumindest so lange PensionistInnen sich nicht von Geld, sondern von Produkten ernähren und leben.

Unkündbar: Der Generationenvertrag

Daran knüpft ein anderer Kritikpunkt an: Es wird so getan, als ob der Generationenvertrag in Gefahr wäre. Normalerweise schreiben diverse Blätter, dass die Jungen ihn aufkündigen. Heute meint Profil, dass die Alten ihn verlassen würden. Beides ist schwachsinnig, denn der Generationenvertrag sagt: Die nicht mehr Arbeitsfähigen werden von den Erwerbstätigen ernährt und erhalten. Solange wir nicht dazu übergehen, die Alten in den Wald zum Verhungern zu schicken, muss das so sein.

So lange Menschen von Geldscheinen nicht satt werden gibt es keine andere Möglichkeit, den Generationenvertrag aufzukündigen. Was sollen die PensionistInnen denn essen, wenn nicht Lebensmittel, die von den Jüngeren hergestellt wurden? Was sollen sie denn anziehen, wenn nicht von Jüngeren hergestelltes Gewand? Von wem sollen sie denn gepflegt werden, wenn nicht von Jüngeren? Selbst wenn das staatliche Pensionssystem von heute auf morgen abgeschafft wird und nur noch das privat Angesparte für den Ruhestand übrig bleibt, selbst dann leben die Alten von den Jungen (oder sie leben eben nicht mehr). Den Fortbestand der Zivilisation vorausgesetzt, ist der Generationenvertrag unkündbar. Punkt.

Was man dem Artikel zu Gute halten muss, ist, dass er zumindest aufzeigt, wo es Verteilungsungerechtigkeiten gibt: Bei den Beamten und Bauern – sie zahlen als Gruppe systematisch weniger ein, als sie rausbekommen. (Dass seit Jahren genau bei jenen nichts gekürzt oder verschärft wird, erwähnt Profil natürlich nicht).

Von mir keinen einzigen Cent.

Fazit für heute: Wer das Pensionssystem für unfinanzierbar erklärt, ohne die Produktivität mitzudenken, belügt die Menschen. Wer glaubt, dass die Neoliberalen ihr Scheitern auch nur im Ansatz einsehen, ist blauäugig.

Ich für meinen Teil stecke keinen Cent in private Vorsorge. Solange es das Umlageverfahren gibt, habe ich auch nicht vor, daran etwas zu ändern. Warum? Neben den bisher erwähnten Argumenten für die Stabilität und Finanzierbarkeit des staatlichen Umlageverfahrens bin ich von einem überzeugt: Bevor ich in 40 Jahren in Pension gehe, werden noch viele Finanzblasen platzen und Erspartes entwerten. Darauf kann ich verzichten – auf die staatliche Pension nicht.

  • Facebook
  • email
  • RSS
  • Print