kulturhauptstadt_fuhrerDie Ausstellung steht bekanntlich schwer in der lokalen und internationalen Kritik (einige internationale Pressestimmen sind unten angeführt). Eine sehr liebe historisch interessierte Person hat mich vor kurzem auf die jüngste Ausgabe des Magazins “Deutsche Geschichte. Europa und die Welt” hingewiesen. Schon die Titelseite weckt skeptisches Interesse: “Adolf Hitler und Linz: Seine Stadt, die ferne leuchtete”. Im Inneren des Heftes folgt dann, was man getrost als deutschnationalen Schund und Geschichtsrevisionismus bezeichnen kann. (Mein bisheriger ‘Favorit’: Eine DVD “Deutschland wie es einmal war” wird beworben, das Cover ziert eine Karte mit Deutschland, Österreich und den überfallenen Ländern. Eigentlich sollte jemand Kameraden Graf und seine strammen Parlaments-Mitarbeiter auf die reiche Auswahl hinweisen …)

“Ohne penetrantes Gut-Böse-Schema”

Unter der Überschrift Hitler träumte bis in den Tod von Linz an der Donau. Ausstellung in der Donaustadt ohne das penetrante Gut-Böse-Schema” (PDF) folgen lobende Worte für Hitler, seine Pläne für Linz und die Ausstellung (S. 29, die Zitate der Kuratorin Birgit Kirchmayr sind kursiv):

(…) Hervorhebenswert ist das Anliegen der erst 37-jährigen Wissenschaftlerin: Die Ausstelung auf dem Wissensstand einer gründlich erforschten und dokumentierten Geschichte solle mit Fakten eine sachliche Diskussion ermöglichen und das Bewußtsein für die Komplexität des Themas schärfen. “Nur so können Diskussionen über die Thematik in Zukunft sachlicher und ‘entemotionalisierter’ ablaufen. Wir wollen weg von diesem eindimensionalen “Schwarz-Weiß”- und “Gut-Böse”-Schemata”. Diese klugen Worte in die Ohren der schlichten Monokausal-Prediger in Deutschland. (…)

Es ist also nicht nur so, dass internationale Medien (die keine Zeit und Aufmerksamkeit für die bisherige Aufarbeitung haben) Linz ein zweifelhaftes Verhältnis zur Vergangenheit unterstellen und Gäste mit einem vollkommen unvollständigen und falschen Bild konfrontiert werden: Auch die ulkigen deutschnationalen semi-professionellen Geschichts-Revisionisten fühlen sich durch die Ausstellung in ihrem Wahn scheinbar bestätigt.


Spricht die Ausstellung für den Führer?

Der Artikel zitiert immer wieder Briefe und Gespräche, die Hitler (angeblich) über Linz geführt hat. Und wo die überlieferten Gespräche nicht ausreichen, läßt der Autor Hitler durch Kuratorin Birgit Kirchmayr sprechen (S. 30 f.):

Es fällt auf, daß Hitler in diesem Gespräch nicht auf das vorgesehene legendenumwobene und von ihm selbst konzipierte Führer-Museum zu sprechen kam. Lassen wir ihn 67 Jahre später durch Kuratorin Birgit Kirchmayr ergänzen: “Das Führermuseum war ohne Zweifel das herausragende Kulturprojekt in den Ausbauplänen für Linz. Ein komplett neues Kunstmuseum sollte gebaut werden, nicht etwa ein bestehendes Museum um- oder ausgebaut. (…)”

Ich unterstelle Fr. Kirchmayr und Hr. Assmann von den OÖ. Landesmuseen nicht, dass sie selbst braunes Gedankengut hegen oder daran anstreifen wollten. Was der Artikel aber verdeutlicht: Die Ausstellungsverantwortlichen haben eine durchwegs apolitische Ausstellung geschaffen, die das Thema nicht nur “entemotionalisiert” , sondern die Entpolitisierungs-Strategien der Alt-Nazis unterstützt.

So weit der “News Value”, hier noch einige persönliche Gedanken bzw. Fragen dazu:

Was heißt hier “entemotionalisiert”?

Warum soll uns eine Ent-Emotionalisierung des NS-Regimes – wie sie Kirchmayr einfordert – ein Anliegen sein? Dass HistorikerInnen und KuratorInnen aus psycho-hygienischen Gründen einen gewissen Abstand gewinnen wollen und versuchen, die Verbrechen nicht permanent an sich ran zu lassen – ok. Die Intention für alle anderen kann ja wohl nicht sein, dass wir Scham, Ekel, Wut, Trauer, Betroffenheit angesichts des schlimmsten Verbrechen der  Menschheitsgeschichte ablegen. Oder? Ich hoffe, dass ich einiges falsch verstanden habe.

Waren doch nicht alle Nazis böse?

Die AusstellungsmacherInnen wollen weg vom “Gut-Böse-Schema”. Dieses Ansinnen macht nur dann Sinn, wenn wir dem NS-Terror auch seine guten Seiten zusprechen. Wie der Artikel zeigt wollen das die Deutschnationalen, aber will das die Ausstellung? Will das Linz09? Vor allem wollen wir das? Wollen wir wertfrei also frei von (verurteilenden) Wertungen und letztlich frei von Werten über den Nazi-Terror denken und reden? Wollen wir das? Wollen wir wirklich den gesellschaftlichen Konsens Nachkriegsösterreichs verlassen oder aufweichen? Ich bin überzeugt, dass bis auf ein paar Ewiggestrige alle LinzerInnen diese Fragen mit “Nein” beantworten würden – insofern kann man hier getrost sagen: Nein, Linz will das nicht.

Wiederum hoffe ich, dass ich einiges falsch verstanden habe. Wenn nicht: Wie konnte diese Ausstellung zu diesem Zeitpunkt an diesem Ort passieren?

Linz09 und die guten Seiten des NS-Terrors

Überraschend finde ich die Freude der Deutschnationalen nicht. Überraschend ist vielmehr das Verhalten der Linz09-Macher: Auf der Podiumsdiskussion (OÖN Artikel dazu) meldete sich auch der Leiter des Linzer Stadtarchivs und Herausgeber vieler Bände zur Vergangenheitsbewältigung zu Wort. Walter Schuster fragte, warum Linz09 ein Projekt, das er gemeinsam mit den UniprofessorInnen Josef Weidenholzer und Brigitte Kepplinger eingereicht hat, abgelehnt wurde. Sie wollten auch eine Ausstellung zum Thema NS-Terror machen – und zwar mit dem Schwerpunkt, heute präsente Mythen über die Nazizeit (von Autobahnen und Wohnungen über Beschäftigungspolitik) zu enttarnen. Intendant Heller antwortete relativ unverhohlen sinngemäß (zumindest hab ich ihn so verstanden): Eine Ausstellung muss auch didaktisch überlegt sein und das haben wir euch nicht zugetraut. Das wiederum überrascht umso mehr als Brigitte Kepplinger die vorbildlich und umunstrittene (wenn wir die Nazis mal außer acht lassen) Dauerausstellung “Wert des Lebens” im Schloss Hartheim Ausstellung kuratiert hat.

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Die Sonntagsrundschau vom 15.3. zeigt einige internationale Pressestimmen, hier mit ein paar Links: Die Headline des New Zealand Herold war z.B. “City of Culture shows off its homeboy, Hitler”, der Calgary Herald meint City exploits links to Hitler, der britische Telegraph schreibt Adolf Hitler at the centre of Austria’s City of Culture Campaign und die Irish Times Whitewashing the past in Hitler’s city.