Diesen Beitrag habe ich vor kurzem für den Blog der Sektion Acht geschrieben, reiche ihn hier nach. (Kommentare bitte dort hinterlassen.)

Ein Hauptinstrument der LehrergewerkschafterInnen gegen die Umverteilung der Arbeitszeit zugunsten des Unterrichts ist die Studie “LehrerIn 2000″ (vulgo “Arbeitszeitstudie”). Deren Ergebnisse sind zumindest ambivalent, oder anders gesagt: Die BefürworterInnen von Schulreformen im Allgemeinen und dem konkreten Vorschlag im Speziellen sollten einen Blick in die Studie werfen. Angesichts der dummen und schädlichen “In-der-Krise-müssen-alle-Gürtel-enger-schnallen” Argumente würde das auch der Ministerin und ihrem Stab nicht schaden.

Zufriedenheit und Unterrichtszeit

Die befragten LehrerInnen verbringen 1/3 ihrer Arbeitszeit im Unterricht (28% AHS bis 41% BS), 1/3 für Vor- und Nachbereitung (28% BS bis 46% AHS) und 1/3 für sonstige Tätigkeiten. Die Wochenarbeitszeit beträgt laut Studie außerhalb der Ferien 45-50 Stunden.


Interessant ist, was LehrerInnen zufrieden macht: An 1. Stelle kommt der tägliche Kontakt mit den SchülerInnen – im Unterricht, wo sonst. Ergo: Nichts motiviert LehrerInnen mehr als mit den Kindern und Jugendlichen zu arbeiten. Es ist also einfach falsch, dass es den GegnerInnen um die Zufriedenheit und Arbeitsbedingungen der LehrerInnen geht.

Zufriedenheit und Arbeitszeit

Die GegnerInnen begründen ihre Ablehnung auch mit der bereits hohen Belastung der LehrerInnen und den vielen Burnout-Fällen. Diese Grafik zeigt, dass Burnout erstaunlich wenig mit der Arbeitszeit zu tun hat:


Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass es “signifikante (…) aber nicht sehr starke Zusammenhänge” zwischen Zufriedenheit und Arbeitszeit gibt. Das heißt: Das Ergebnis ist “robust” im Sinne von verlässlich und zeigt klar, dass Zufriedenheit wenig mit der Arbeitszeit zu tun hat. Interessant: “Was mit zunehmender Arbeitsleistung steigt, ist die Zufriedenheit mit dem täglichen Kontakt mit Kindern und Jugendlichen.” Je länger LehrerInnen in der Klasse arbeiten, desto motivierter sind sie und (!) desto motivierender ist der Unterricht für sie.


Belastungen für LehrerInnen

Dass die Ministerin die Bedürfnisse der LehrerInnen mehr berücksichtigt als ihre PersonalvertreterInnen zeigt zuletzt auch diese Übersicht der wichtigsten Belastungsfaktoren:

  • Kompensation gesellschaftlicher Missstände: Meiner Meinung nach eine sinnlose Kategorie. Der deutschnationale Lehrer, der Kinder mit migrantischem Hintergrund als Missstand sieht, sagt hier ja. Die katholische Lehrerin mag die vielen muslimischen Kinder nicht, also ist sie auch dabei. Und die eher Fortschrittlichen, die an der äußerst mangelhaften Förderung von Kindern mit nicht-deutscher Muttersprache in Kindergärten und Schulen leiden, fühlen sich hier auch verstanden.
  • Hohe KlassenschülerInnenzahlen: Exakt deswegen soll die Unterrichtszeit erhöht werden.
  • Verhaltensauffälligkeiten und Störungen des Unterrichts: Das ist sicher belastend, ich kann mir aber nicht vorstellen, dass das a) mit der Arbeitszeit zusammenhängt und b) je anders war.
  • Stark unterschiedliches Leistungsniveau: Genau hier liegt das pädagogische Hauptproblem. Unsere Schule, die auf 150 Jahre alten Grundlagen beruht und sich in den letzten 80 Jahren nicht bedeutend verändert hat, braucht die Gleichschaltung der SchülerInnen um einigermaßen zu funktionieren. Und das ist ein aussichts- und sinnloser Kampf der LehrerInnen gegen Windmühlen, die LehrerInnen müssen endlich lernen in ihrem Unterricht die Verschiedenheit zu nutzen anstatt zu bekämpfen (Mehr zum Thema in meinem letztjährigen Beitrag zum Kongress “momentum08: gerechtigkeit“). Daran ändert die Erhöhung der Unterrichtszeit nichts, richtig. Da die Schule an vielen Stellen erneuert werden muss und das nicht mit einem einzigen Reformschritt getan sein kann, ist auch das kein Argument gegen den Schmied-Vorschlag.
  • Facebook
  • email
  • RSS
  • Print