Archiv für March, 2009

Gescheitert (2): Soziale Demokratie ohne Ökonomie?

Thursday, 26. March 2009

Flassbeck ist Keynesianer, und zwar nach meinem Verständnis im besten Sinn. Das verdeutlicht er mit diesem Satz, der so richtig und wichtig ist und zeigt, warum Keynes für die GleichgewichtsökonomInnen so unerträglich ist:

Die Unsicherheit ist das zentrale Moment dieser (gesamtwirtschaflichen oder keynesianischen, Anm.) Lehre, nicht die staatliche Verschuldung. (…) die keynesianische Lehre [verhält sich] zur neoklassischen Lehre wie die Quantenphysik zur klassischen Physik. Wer würde sich trauen zu sagen, die theoretische Revolution, die dadurch in der Physik ausgelöst wurde, war falsch, weil sie alles viel komplizierter machte, da man die kleinen Teilchen (…) nicht beobachten kann, ohne dass sie ihr Verhalten ändern? In der Physik würde man dafür zum Idioten erklärt, in der Volkswirtschaftslehre bekommt man einen großen Lehrstuhl an einer berühmten deutschen Universität.

Keynes hatte als einer der ersten eine kapitalistische, industrialisierte Wirtschaft vor Augen (Flassbeck nennt noch Schumpeter, Kalecki und Lautenbach, ich würde auf jeden Fall noch den alten Karl mit dem Bart ergänzen). Die Neoklassik geht hingegen im Kern (!) bis heute (!) von einer agrarischen und auf jeden Fall vorindustriellen Tauschwirtschaft aus, ohne Investitionsdynamik, ohne Technologiesprünge, ohne Staat im heutigen Sinn, ohne Globalisierung, etc. Damit wendet sich Flassbeck explizit gegen mindestens 90% der ÖkonomInnen im deutschsprachigen Raum, aber auch gegen jene SozialdemokratInnen, die meinen einen dritten Weg suchen zu müssen. Diese Versuche seien zum scheitern verurteilt, denn “es gab nach Keynes in der Sozialdemokratie und anderswo nur einen alternativen Weg und das war der Weg zurück in die Lehre, die schon in der Weimarer Republik und davor die Ökonomie beherrscht hatte.” Normalerweise firmiert ja alles unter “dritter Weg” was weder ungezügelter Kapitalismus noch Planwirtschaft ist – letzteres schließt aber Flassbeck zurecht aus. In der Tat wollten und wollen sich viele SozialdemokratInnen insbesondere in Deutschland aber auch in Österreich vom Keynesianismus lossagen und laufen damit (meist ohne es zu merken) in die offenen Arme der ÖkonomInnen, die nur in Einzelunternehmens-Logik denken und ein gestörtes Verhältnis zum Staat und damit zur Gesellschaft haben.

Sozial ist, was Arbeit schafft

Dieser CDU-Slogan hat die SPD-Rechte vollkommen am falschen Fuß erwischt, der mittlerweile aus der SPD ausgetreten Ex-Super-Wirtschaftsminister Clement hat ihn quasi zu seinem Lebensmotto (und Vorwand für weitere Sozialkürzungen) gemacht. Flassbeck: “Das Teuflische an dem Slogan ist, dass er vollkommen richtig ist. Daraus folgt aber keineswegs, dass der Abbau des Sozialen Arbeit schafft, wie es die Konservativen suggerieren wollen. (…) Wer sich aber auf den Slogan im Sinne einer Wahl zwischem Sozialem und Arbeit einlässt, ist von vornherein verloren.” Flassbeck folgert, dass sich SozialdemokratInnen, die dem CDU-Dogma wirtschaftspolitisch nicht entgegnen können bzw. wollen, sich auf soziale Argumente alleine verlassen und einen Konflikt zwischen ökonomisch Richtigem und soziale Erwünschtem eingestehen müssten.

Seit 70 Jahren gäbe es aber diese entgegengesetzte ökonomische Lehre, die eben ökonomisch Richtiges mit sozial Erwünschtem verbindet. Dann solle bzw. könne man auf Verweise auf “das Soziale” verzichten: “Wer sagt, die Kürzung der Arbeitslosenhilfe sei ökonomisch unsinnig, weil sie nur reine Umverteilung bedeutet und keine Arbeitsplätze schafft, eröffnet eine ökonomische Debatte, die man gewinnen kann. Wer aber sagt, die Kürzung sei ökonomisch unsinnig und zudem unsozial, entwertet unmittelbar sein ökonomisches Argument, weil diese Kürzung ja nur dann unsozial ist, wenn sie ökonomisch nichts bringt. Die Verteidiger der Kürzung werden sagen, man brauche wohl den Vorwurf des Unsozialen, weil man selbst nicht an das ökonomische Argument glaube.” Ich bin mir sicher, dass ich Flassbecks ökonomischer Analyse viel mehr zustimme als jener der SPD. Ob der Verzicht auf “soziale” Argumente taktisch klug ist, hängt von der Debatten-Situation ab. (So erfolgreich ist der neoliberale Turn bis heute).

Als allgemein-politische Strategie kommt mir die Empfehlung aber reichlich unbrauchbar vor. Denn offensichtlich ist in Deutschland und Österreich ja eben nicht nur strittig, ob höhere Unterstützungen für Arbeitslose ökonomisch richtig, sondern sogar ob sie sozial erwünscht sind. Die Unterstützung der sozial Schwächsten ist nicht nur eine ökonomische und soziale Frage, sondern auch eine der Demokratie. Insofern würde ich Flassbeck bei seinen Argumenten beipflichten, aber einwenden, dass eine “soziale Ökonomie ohne Demokratie” auch nicht das Ziel sein kann.

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Gescheitert (1): Einleitung

Tuesday, 24. March 2009

In der Ökonomie gibt es (vereinfacht gesprochen) zwei große Lager: Auf der einen Seite die “bürgerlichen” ÖkonomInnen, deren politische Empfehlungen “neoliberal” bezeichnet werden, ihre Modelle sind “neoklassisch”. Sie sind (noch) der “Mainstream”, insbesonders im deutschsprachigen Raum sind sie ähnlich mächtig wie die ÖVP in Niederösterreich. Ihnen gemeinsam ist das unerschütterliche Vertrauen in die Selbstregulierung der Märkte, daher ist der Staat bzw. politische Intervention nicht notwendig. Dem gegenüber steht (unter anderem) die Keynesianische Schule, die mit anderen Methoden (z.B. gesamtwirtschaftliche Sicht statt Individualismus) und anderen Annahmen (z.B. Unsicherheit statt vollkommmene Information) zu anderen Empfehlungen (Wirtschafts- und Finanzpolitik macht Sinn) kommt.

Flassbeck stellt sich nun am Beginn die Frage, wie es sein kann, dass “SozialdemokratInnen nicht zur Speerspitze einer Idee werden, die auf fast wunderbare Weise das ökonomisch vernünftige mit dem sozial Wünschbaren verbindet.” Worum es im Buch geht, verdeutlicht dieser etwas längere Ausschnitt:

Mit der Übernahme der herrschenden ökonomischen Lehre, die nichts anderes als simple Unternehmerlogik bietet, bringt sich die Sozialdemokratie (und die politische Linke) um jede Chance und jede Perspektive. Wenn sie regiert, verliert sie ihre Anhänger und Mitglieder, weil die Ergebnisse wirtschaftlich und sozial katastrophal sind. Wenn sie opponiert, hat sie wirtschaftspolitisch keine Alternativen zu bieten, muss also auf das Scheitern der Konservativen warten, um dann nach Regierungsübernahme wieder selbst zu scheitern. Das Ergebnis solchen wechselseitigen Scheiterns gefährdet die Demokratie. Findet in einem Land auf längere Sicht keine regierungsfähige Partei der Mitte eine Erfolg versprechende wirtschaftspolitische Konzeption, bleibt der Bevölkerung nur Apathie oder eine Hinwendung zu radkialen “Lösungen”. (S.21)

(…)

Dieses Buch soll zeigen, wie kläglich die politischen Antworten auf die drängenden Fragen der Zeit sind und wie dramatisch die Lage der Demokratie in Deutschland ist, wenn sie die großen Parteienin der für jede Regierung zentralen Frage der wirtschaftlichen Kompetenz keine Konkurrenz mehr machen. Ich maße mir nicht an zu wissen, wohin die Reise einer offenen Gesellschaft geht. Eine Gesellschaft aber, die es nicht schafft, die großen Themen der Globalisierung, der Alterung, des Finanzmarktkapitalismus oder der ökonomisch gerechtfertigten Teilhabe der Bevölkerungsmehrheit am Fortschritt auch nur ernsthaft zu diskutieren, ist in ihren Grundfesten gefährdet, weil sie das, was Demokratie und Marktwirtschaft im Kern ausmacht, den freien Austausch und den Wettbewerb von Ideen nämlich, mit Füßen tritt. (S. 22f)

Ja, die deutsche Sozialdemokratie steht auf der falschen Seite – soviel kann schon jetzt gesagt werden. Ich befürchte, dass sich die österreichische Sozialdemokratie nicht positiv von der großen Schwester abhebt. Wer wie ich diesen Zeilen vom Bauchgefühl her zustimmt, kann sich auf das nächste Kapitel “Sozial Demokratie ohne Ökonomie?” freuen …

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Gescheitert! Eine umfassende Leseempfehlung

Sunday, 22. March 2009

flassbeck_01Die (deutsche) Sozialdemokratie habe weder ein wirtschaftspolitisches Konzept für die Krise noch für den Boom. Ausgehend von dieser Ansage hat Heiner Flassbeck (Ex-Staatssekretär von Finanzminister Lafointaine, heute Chefökonom der UNCTAD, der UNO-Organisation für Welthandel und Entwicklung. Wiki | Persönliche Homepage) sein jüngstes Buch “Gescheitert – Warum die Politik vor der Wirtschaft kapituliert” geschrieben. Es ist ein Plädoyer für gesamtwirtschaftliches Denken und eine Hassschrift gegen den mehr oder weniger neoliberalen Mainstream, der in den letzten Jahrzehnten alle Parteien erfasst hat. In den nächsten Beitragen will ich hier eine umfassende Leseempfehlung schreiben, und zwar Kapitel für Kapitel und Flassbecks Argumente auch der großen Mehrheit die das Buch nie kaufen bzw. lesen wird zugänglich machen.

 

Kaufen: Wer nicht eine Woche warten will, in Linz lebt und Interesse daran hat, dass BuchhändlerInnen, die ihre Bücher auch tatsächlich lesen, nicht vor die Hunde gehen kann es mir gleichtun und es beim Alex am Hauptplatz erwerben. Für alle anderen gibts Amazon: 
    

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Gescheitert: Warum die Politik vor der Wirtschaft kapituliert von Heiner Flassbeck (Gebundene Ausgabe - März 2009)
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Bei 6 nochmal würfeln.

Saturday, 21. March 2009

grafik_leseleistung_newsletter2 Das ist einerseits ein wichtiger Bestandteil vieler Spiele, andererseits auch ein wichtiger (wenn nicht der wichtigste) Bestandteil der Schule. Darauf spielte vor Jahren eine AKS-Kampagne an: Die Notengebung ist von LehrerIn zu LehrerIn und von Schule zu Schule so unterschiedlich, dass man sie getrost als “willkürlich” bezeichnen kann. Wie sehr diese Kritik zutrifft, zeigt diese Auswertung des PIRLS-Lesetest.

Es geht um die Lesefähigkeiten nach der 4. Klasse Volksschule. JedeR 3. “SpitzenschülerIn” erhält kein sehr gut, jedeR 3. “DurchschnittsschülerIn” bekommt einen 1er bzw. 3er/4er. Und wieder ein Drittel der “RisikoschülerInnen” kriegen zumindest einen 2er im Zeugnis.

Meine Schluss daraus: Noten abschaffen, und wo sie nicht abgeschafft werden, durch (teil)zentralisierte Prüfungen ersetzen. Das Wichtigste wäre, die PädagogInnen von der PrüferInnenrolle zu entlasten (bzw. wo diese Rolle als pseudopädagogisches Machtmittel missbraucht wird, sie ihnen entreißen). Dann, und nur dann verstehen SchülerInnen und LehrerInnen, dass sie im selben Boot sitzen. Dann, und nur dann ist nicht nur der/die SchülerIn schuld, wenn das Lernziel nicht erreicht wird. Und das wäre ein sensationeller Fortschritt, der uns allen mindestens soviel bringen würde wie die Einführung einer Gesamtschule.

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Zu katholisch.

Friday, 20. March 2009

fussenegger

Getrud Fussenegger ist gestorben. Sie nicht zu kennen ist meines Erachtens keine Bildungslücke – ich hab selbst keinen einzigen ihrer Texte gelesen. (OÖN Nachruf, Presse Nachruf, Wiki-Eintrag, persönliche Portrait-Seite). Warum dann dieser Post?

Fussenegger war (illegale) Nationalsozialistin der ersten Stunde, wurde dafür sogar einmal verhaftet, schrieb Hymnen auf den Anschluss in NSDAP-Organen und stieg zur vielbeachteten Nachwuchs-Nazi-Schriftstellerin auf. Wie ihre persönliche Portraitseite (fussenegger.de (!), von einerMünchner PR-Agentur die mit guten Kontakten zum Vatikan wirbt) betont wurde aber auch einer ihrer Texte von den Nazis verboten. Und zwar weil er zu katholisch war.

Der Punkt ist nicht, dass ich ihr posthum ein Vergehen nach dem Verbotsgesetz unterstellen würde – der Punkt ist vielmehr, dass die in OÖ lebende Fussenegger nach dem Fall des NS-Regimes von reaktionären katholischen Kreisen bejubelt und mit Preisen überhäuft wurde. Immer wieder auch von der OÖVP geführten konservativen Landeskulturpolitik, begonnen mit dem Stifter-Preis 1951 bis hin zu Landeskulturmedaillie 1999. Das Leben und das Wirken Fuseneggers wecken bei mir (wieder) das Gefühl, dass Nationalsozialismus viel mehr mit Konservativismus als mit Sozialismus zu tun hat. Nach dem Nazi-Lob für die Kulturhauptstadt des Führers-Ausstellung, dem jüngsten unfassbaren “Verleser” des Papstes und Fussenegger will ich mich für eine Weile nicht mehr mit dem rechten Rand beschäftigen. Es gibt Wichtigeres.

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Die Moral, eine schlagende Krücke

Thursday, 19. March 2009

moff_benedetto

Der Papst ist der Meinung, dass Kondome das AIDS-Problem in Afrika verschärfen – die Lösung liege vielmehr in mehr Moral. Frei nach Paracelsus: Moral ist eine Krücke, mit der der Gesunde die Kranken schlägt, um zu zeigen, dass sie ihm herzlich egal sind. Es kann natürlich auch sein, dass ich mich irre und Haderer im aktuellen Moff recht hat und der Papst sich verlesen hat.

Nachtrag: Der alte Mann mit seiner Krücke namens Moral hat erneut zugeschlagen – er verteufelt auch dann Schwangerschaftsabbrüche, wenn sie für die Gesundheit der Mutter notwendig sind.

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Das ist peinlich! (Lunch Lecture #2)

Wednesday, 18. March 2009

lunch_lecture2“Ein Linker, der kein Linker sein will” lautet ein Eindruck, den Manfred Holztrattner heute im prall gefüllten HS2 erweckt hat. Ich hab mir zwar schwer getan, den roten Faden seines Vortrags zu finden – nichtsdestotrotz fand ich ihn interessant und amüsant, auch wenn ich nicht allen Punkten zustimme. Einen (ehemaligen) Raiffeisen-General über das “liberalistische und kapitalistische Wirtschaftssystem”, das überwunden werden müsse, hört man ja nicht jeden Tag schimpfen … Insofern ein paar sinngemäße (!) Zitate eines Bankkaufmanns, der “Banker” als Schimpfwort versteht und überzeugten Konservativen, der nichts mehr werden will und deswegen sagt, was er sich denkt:

Sie haben nicht miterlebt, dass es durchaus seriöse Bankdirektoren gab. Ich geniere mich für die Großkopferten da oben. Was da abläuft ist alles eine moralische Katastrophe.

 

Je größer die Unternehmungen, desto größer haben sie sich aufgeplustert – und jetzt liegen sie alle am Boden und müssen von den kleineren und mittleren wieder aufgerichtet werden.

 

Täglich werden 10.000 Kirchtürme an Bargeld (100$-Scheine aufeinander gestapelt, Anm.) gehandelt, davon sind 95% Spekulation.

Diese Menschen gehören ins Eck gestellt, die gehören an den Pranger. Das ist die Praxis des Finanzkapitalismus: Dass sich einige wenige gesundstoßen und die anderen verhungern. Das hat nichts mit links zu tun, ich bin ein sehr konservativer Mensch.

Mit dem was wir jetzt ausgeben können wir locker 100 Jahre Entwicklungshilfe mit links finanzieren.

Mein zweitliebster Satz der Veranstaltung:

Wenn die Wirtschaft das politische Heft in die Hand nimmt, ist die Demokratie im Eimer.

Mein allerliebster Satz kam allerdings von einem VWL-Assistenten, als dieser den HS erbost verließ:

Das ist peinlich!

Peinlich ist imho vor allem, dass der Kollege der einzige und damit letzte Mitarbeiter des einst so stolzen VWL-Institutes im Hörsaal war … ich bezweifle aber, dass er so verstanden werden wollte.

PS: Holztrattners Buch “Macht ohne Moral” ist derzeit leider vergriffen aber sicher lesenswert. Folien und bessere Fotos folgen ebenso wie der Link zum Podcast. Nächste Woche kommt Stephan Schulmeister *freu*

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NS-Revisionisten loben Linz09-Ausstellung

Saturday, 14. March 2009

kulturhauptstadt_fuhrerDie Ausstellung steht bekanntlich schwer in der lokalen und internationalen Kritik (einige internationale Pressestimmen sind unten angeführt). Eine sehr liebe historisch interessierte Person hat mich vor kurzem auf die jüngste Ausgabe des Magazins “Deutsche Geschichte. Europa und die Welt” hingewiesen. Schon die Titelseite weckt skeptisches Interesse: “Adolf Hitler und Linz: Seine Stadt, die ferne leuchtete”. Im Inneren des Heftes folgt dann, was man getrost als deutschnationalen Schund und Geschichtsrevisionismus bezeichnen kann. (Mein bisheriger ‘Favorit’: Eine DVD “Deutschland wie es einmal war” wird beworben, das Cover ziert eine Karte mit Deutschland, Österreich und den überfallenen Ländern. Eigentlich sollte jemand Kameraden Graf und seine strammen Parlaments-Mitarbeiter auf die reiche Auswahl hinweisen …)

“Ohne penetrantes Gut-Böse-Schema”

Unter der Überschrift Hitler träumte bis in den Tod von Linz an der Donau. Ausstellung in der Donaustadt ohne das penetrante Gut-Böse-Schema” (PDF) folgen lobende Worte für Hitler, seine Pläne für Linz und die Ausstellung (S. 29, die Zitate der Kuratorin Birgit Kirchmayr sind kursiv):

(…) Hervorhebenswert ist das Anliegen der erst 37-jährigen Wissenschaftlerin: Die Ausstelung auf dem Wissensstand einer gründlich erforschten und dokumentierten Geschichte solle mit Fakten eine sachliche Diskussion ermöglichen und das Bewußtsein für die Komplexität des Themas schärfen. “Nur so können Diskussionen über die Thematik in Zukunft sachlicher und ‘entemotionalisierter’ ablaufen. Wir wollen weg von diesem eindimensionalen “Schwarz-Weiß”- und “Gut-Böse”-Schemata”. Diese klugen Worte in die Ohren der schlichten Monokausal-Prediger in Deutschland. (…)

Es ist also nicht nur so, dass internationale Medien (die keine Zeit und Aufmerksamkeit für die bisherige Aufarbeitung haben) Linz ein zweifelhaftes Verhältnis zur Vergangenheit unterstellen und Gäste mit einem vollkommen unvollständigen und falschen Bild konfrontiert werden: Auch die ulkigen deutschnationalen semi-professionellen Geschichts-Revisionisten fühlen sich durch die Ausstellung in ihrem Wahn scheinbar bestätigt.


Spricht die Ausstellung für den Führer?

Der Artikel zitiert immer wieder Briefe und Gespräche, die Hitler (angeblich) über Linz geführt hat. Und wo die überlieferten Gespräche nicht ausreichen, läßt der Autor Hitler durch Kuratorin Birgit Kirchmayr sprechen (S. 30 f.):

Es fällt auf, daß Hitler in diesem Gespräch nicht auf das vorgesehene legendenumwobene und von ihm selbst konzipierte Führer-Museum zu sprechen kam. Lassen wir ihn 67 Jahre später durch Kuratorin Birgit Kirchmayr ergänzen: “Das Führermuseum war ohne Zweifel das herausragende Kulturprojekt in den Ausbauplänen für Linz. Ein komplett neues Kunstmuseum sollte gebaut werden, nicht etwa ein bestehendes Museum um- oder ausgebaut. (…)”

Ich unterstelle Fr. Kirchmayr und Hr. Assmann von den OÖ. Landesmuseen nicht, dass sie selbst braunes Gedankengut hegen oder daran anstreifen wollten. Was der Artikel aber verdeutlicht: Die Ausstellungsverantwortlichen haben eine durchwegs apolitische Ausstellung geschaffen, die das Thema nicht nur “entemotionalisiert” , sondern die Entpolitisierungs-Strategien der Alt-Nazis unterstützt.

So weit der “News Value”, hier noch einige persönliche Gedanken bzw. Fragen dazu:

Was heißt hier “entemotionalisiert”?

Warum soll uns eine Ent-Emotionalisierung des NS-Regimes – wie sie Kirchmayr einfordert – ein Anliegen sein? Dass HistorikerInnen und KuratorInnen aus psycho-hygienischen Gründen einen gewissen Abstand gewinnen wollen und versuchen, die Verbrechen nicht permanent an sich ran zu lassen – ok. Die Intention für alle anderen kann ja wohl nicht sein, dass wir Scham, Ekel, Wut, Trauer, Betroffenheit angesichts des schlimmsten Verbrechen der  Menschheitsgeschichte ablegen. Oder? Ich hoffe, dass ich einiges falsch verstanden habe.

Waren doch nicht alle Nazis böse?

Die AusstellungsmacherInnen wollen weg vom “Gut-Böse-Schema”. Dieses Ansinnen macht nur dann Sinn, wenn wir dem NS-Terror auch seine guten Seiten zusprechen. Wie der Artikel zeigt wollen das die Deutschnationalen, aber will das die Ausstellung? Will das Linz09? Vor allem wollen wir das? Wollen wir wertfrei also frei von (verurteilenden) Wertungen und letztlich frei von Werten über den Nazi-Terror denken und reden? Wollen wir das? Wollen wir wirklich den gesellschaftlichen Konsens Nachkriegsösterreichs verlassen oder aufweichen? Ich bin überzeugt, dass bis auf ein paar Ewiggestrige alle LinzerInnen diese Fragen mit “Nein” beantworten würden – insofern kann man hier getrost sagen: Nein, Linz will das nicht.

Wiederum hoffe ich, dass ich einiges falsch verstanden habe. Wenn nicht: Wie konnte diese Ausstellung zu diesem Zeitpunkt an diesem Ort passieren?

Linz09 und die guten Seiten des NS-Terrors

Überraschend finde ich die Freude der Deutschnationalen nicht. Überraschend ist vielmehr das Verhalten der Linz09-Macher: Auf der Podiumsdiskussion (OÖN Artikel dazu) meldete sich auch der Leiter des Linzer Stadtarchivs und Herausgeber vieler Bände zur Vergangenheitsbewältigung zu Wort. Walter Schuster fragte, warum Linz09 ein Projekt, das er gemeinsam mit den UniprofessorInnen Josef Weidenholzer und Brigitte Kepplinger eingereicht hat, abgelehnt wurde. Sie wollten auch eine Ausstellung zum Thema NS-Terror machen – und zwar mit dem Schwerpunkt, heute präsente Mythen über die Nazizeit (von Autobahnen und Wohnungen über Beschäftigungspolitik) zu enttarnen. Intendant Heller antwortete relativ unverhohlen sinngemäß (zumindest hab ich ihn so verstanden): Eine Ausstellung muss auch didaktisch überlegt sein und das haben wir euch nicht zugetraut. Das wiederum überrascht umso mehr als Brigitte Kepplinger die vorbildlich und umunstrittene (wenn wir die Nazis mal außer acht lassen) Dauerausstellung “Wert des Lebens” im Schloss Hartheim Ausstellung kuratiert hat.

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Die Sonntagsrundschau vom 15.3. zeigt einige internationale Pressestimmen, hier mit ein paar Links: Die Headline des New Zealand Herold war z.B. “City of Culture shows off its homeboy, Hitler”, der Calgary Herald meint City exploits links to Hitler, der britische Telegraph schreibt Adolf Hitler at the centre of Austria’s City of Culture Campaign und die Irish Times Whitewashing the past in Hitler’s city.

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Brandt, Kreisky, Palme: Briefwechsel

Thursday, 12. March 2009

Diese Leseempfehlung habe ich für die erste Ausgabe des Bildungs-Periodikums “Zeilen” verfasst. Das vergriffene Taschenbuch ist über Antiquariate zu kaufen oder über theoriegeschichte.at downloadbar.

Willy Brandt, Bruno Kreisky, Olof Palme: Briefe und Gespräche. 1972 bis 1975.

Erschienen etwa bei der Europäischen Verlagsanstalt Frankfurt (1975)

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„Lieber Bruno, lieber Olof, wir waren übereingekommen, unsere Meinungen über Grundsatzfragen sozialdemokratischer Politik auszutauschen und die Problematik „Parteiprogramme und Regierungspraxis“ besonders im Auge zu haben.“ Mit diesen Worten beginnt der auch heute erfrischende Briefwechsel der großen Protagonisten des sozialdemokratischen Jahrzehnts über die Grundwerte und ihre Umsetzung.

„Mehr Demokratie wagen!“ klingt damals wie heute gut, doch der Schritt von der Theorie zur Praxis ist die große Herausforderung. Bruno Kreisky will bekanntermaßen alle gesellschaftlichen Bereiche mit Demokratie durchfluten. Willy Brandt versteht unter Demokratisierung nicht zuletzt auch den systematischen Abbau von Privelegien und für Olof Pame ist die Kernfrage die Entwicklung der industriellen Demokratie.

Andere große Themen sind Umweltschutz, Beseitigung der Armut, Friedenspolitik, Bildungsreformen und die Öffnung der Partei. Die meisten Vorhaben konnten bis heute nicht umgesetzt werden. Die Ölkrise von 1973 markiert einen Bruch. Mit der Wahl von Thatcher und Reagan schloß sich das Zeitfenster für sozialdemokratische Gegenentwürfe für zumindest drei Jahrzehnte. Kein Grund zum Aufgeben, denn „der Mut zum Unvollendeten gehört zu einer Politik, die es mit dem Notwendigen aufnimmt“, so der Pragmatiker Brandt. Warum dieser Briefwechsel heute interessiert? Brandt als Visionär mit Bodenhaftung: „Historisches Bewusstsein bewahrt uns davor, Angst vor der Zukunft zu haben.“

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Yes we failed (LunchLecture #1)

Thursday, 12. March 2009

lunchlecture_erhard

Wie angekündigt war gestern die Eröffnungsvorlesung der LunchLectures mit Erhard Glötzl. Der Vortrag endete mit drei Appellen:

  1. An die Uni: Yes we failed – wir brauchen eine neue Ökonomie
  2. An die Politik: Yes we must – neues solidarisches Gesellschaftsmodell entwerfen und umsetzen
  3. An die Studierenden: Yes we can – und zwar (in einem Generationenkonflikt) alles durchsetzen.

Leider konnte ich wegen dem SV-Kongress der AKS-Linz nur die Eröffnung verfolgen. Der unerwartete Andrang der Studierenden zeigt, dass wir mit dem Konzept LunchLectures nicht falsch gelegen sind – zu kleiner Hörsaal, zu wenige Lunch-Pakete (an beidem arbeitet die ÖH). Wer wie ich den Vortrag versäumt hat: Hier sind die Folien. Den dazugehörigen Podcast reiche ich nach sobald er online ist.

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